
 |
GERUHSAM: In dem schier unendlichen Netz an Kanälen kann man gemütlich segeln |
TÖRNVORSCHLAG
Friesland: Relaxtes Segeln in Kanälen und Seen
Der Reiz der niederländischen Reviere liegt in ihrer Gegensätzlichkeit: Das verlockende an den Binnengewässern ist das Segeln inmitten schöner Landschaft, an der Küste reizt das Segeln im Strom der Gezeiten. Das gilt ganz besonders auch für Friesland. Wie schier unendlich Frieslands Gewebe aus Flüssen, Kanälen, Seen, Teichen und Tümpeln ist, zeigen die Schlittschuhläufer, wenn das Wasser im Winter tief genug friert: Bei der legendären Elf-Städte-Tour legen Friesen auf Schlittschuhen einen Marathon von 200 Kilometern zurück. Ginge es nicht über das Menschenmögliche hinaus, könnte die Strecke auch doppelt oder dreimal so lang sein. Alles eingebettet in diese fast unendlich flache Landschaft.
Soll sich der volle Reiz für Segler entfalten, muss es Sommer sein, müssen die im Wind wogenden Schilfgürtel gewachsen sein, müssen die Schwarzbunten auf ihren satten Weiden stehen. Dann scheint es, als würden in der Ferne ein paar weiße Segel direkt durch grüne Wiesen ziehen. Das ist dann das Friesland, dem das Etikett Wassersportparadies anhaftet wie eine Klette. Und das, obwohl die nüchternen Friesen selber nicht zu Übertreibungen neigen, wohl aber ihr plattes Land und ihre eigene Sprache in Ehren halten und vor allem das Wasser lieben.
Was den Reiz jedes Frieslandtörns ausmacht? Nun, zwischen Ruhe und Trubel kann man hier immer wählen. Man kann in einem einsamen Tümpel ankern und nächtens Stille und Natur genießen oder in einem hochmodernen Gästehafen in der Stadt festmachen und nachher in einer Disco landen.
Wer jedoch dieses Friesland, nicht die IJsselmeerhäfen, nicht die Watteninseln, besegeln will, muß das richtige Boot dazu haben. Bis 1,20 Meter Tiefgang geht nahezu alles. Ab 1,40 Meter wird es schwierig. Hoffnungslos festfahren kann man sich bei dem moorigen Untergrund kaum. Auch vor den etlichen Barren, die sich am Übergang von Kanälen in Seen gebildet haben, sollte man nicht zurückschrecken, sondern lieber einen Anlauf nehmen. Solche Stellen weisen deutlich darauf hin, wie sehr man in Friesland mit Baggerarbeiten im Verzug ist und wie wenig inzwischen den Tiefenangaben der Wasserkarten zu trauen ist.
Für den ersten Törn sollte man deshalb freies, tieferes Wasser suchen. Unser erster Ausgangspunkt soll Heeg sein. Hier gibt es einen nagelneuen Hafen direkt am Heeger Meer, dazu sieben weitere Marinas, z.B. De Eendracht nahe am Dorf mit eigener Hafenkneipe und guter Infrastruktur. Wie überhaupt Heeg, was Service rund um das Boot angeht, die ganze Palette bietet. Und in "Jonas in de Walvis" im proppenvollen Dorf hat man sogar vorsichtig begonnen, gehobenes Ambiente in der eher deftigen friesischen Küchenlandschaft zu bieten.
Heegs rauschender Erfolg liegt am Zugang zu freiem Wasser. Das Heeger Meer ist vor der Tür, nach Südwesten übergehend in den Fluessen. Von dort aus kann man über den Oorden ungestört weitersegeln, bis man in Koudum auf die erste Brücke trifft. Dort beim Wassersportzentrum De Kuilaart sich ein Plätzchen zu suchen und auf der Wasserterrasse ein paar Kroketten zu verspeisen wäre ganz nach niederländischer Lunch-Manier. Wer noch an seiner Brückentaktik feilt, bekommt schönsten Anschauungsunterricht gratis: Die Brücke von Galamadammen wird unermüdlich gedreht, denn das Fahrwasser hier ist Teil der "Autobahn" von und nach Stavoren am IJsselmeer.
Wir aber wenden den Bug zurück in Richtung Fluessen und Heeger Meer, wo man den Tonnenstrich für ein paar Schläge ruhig verlassen kann und wo Elahuizen mit seinem netten "Kroegje" durchaus einen Abstecher wert ist.
|
 |
|
| SNEEK: Durch das berühmte Wassertor kann man ins Zentrum gelangen |
Weht es günstig, kann man nordwestlich des Inselchens Langehoekspolle durchkneifen und sieht bald eine dieser typischen friesischen Landbaken, die an den Zufahrten der Kanäle aufgestellt sind. Dort geht es in den Inthiema Sloot und damit in eine ganz eigene Wasserwelt. Die Schwarzbunten auf den Weiden sind zum Greifen nahe und deren Fliegen im Sommer leider manchmal im Boot. Hier kann man in die Abdeckung gewaltiger Stülpdächer geraten, unter denen sich Bauernhöfe ducken.
Vor allem aber ist es gesellig im engen Bootstreiben. Man grüßt einander auf Frieslands Wasser und hat auf Groote Gaastmeer und Zandmeer, die sich dem Inthiema Sloot anschließen, entsprechend gut zu tun. Dort locken blitzblanke Mini-Seen mit guten Ankerplätzen und zahlreiche Anlegestellen am grünen Ufer. Nicht zu vergessen der Oudegaster Brekken mit dem Ringwiel. Wer nächtliche Einsamkeit und absolute Ruhe sucht, wird dort seine Traum-Ankerbucht finden. Nur eines sollte man an solchen Plätzen, wie überall in Friesland, nie tun: mit dem Bug ins Riet fahren und sich so eine Anlegestelle pflügen. Die kostbaren Schilfgürtel erholen sich nur langsam.
Doch lassen wir den Brekken an Steuerbord liegen, ziehen statt dessen durch Lange Vliet und Klifrak, wo schon der Kirchturm von Workum grüßt. Aber wir biegen kurz vor der Stadt ab. Direkt hinter der Eisenbahnbrücke - man kann dem Dreher freiwillig einen Euro spenden - geht es in die Trekvaart van Workum naar Bolsward. Die Tour ist genauso lang, wie der Name es andeutet. Und nicht ganz billig. Denn immer wieder trifft man auf ein Brücklein, oft altersschwach schwankend und ächzend. Aber von der Bauersfrau von nebenan flott hochgekurbelt, die dann ihren Obolus erwartet.
So scheiden sich an der teuren Trekvaart die Geister. Aber einmal im friesischen Leben sollte man sie gemacht haben. Man kann beim Anblick der blank geputzten Häuserzeilchen von Dörfern wie Parrega oder Tjerkwerd schon beschaulich werden und sich fragen, was die Menschen hier wohl im Winter machen. Die wiederum werden sich vielleicht auf die Zeit freuen, wenn ihnen nicht mehr neugierige Bootstouristen durch die Fenster schauen.
Bolsward ist die einsame und kostspielige Anreise allemal wert. Es präsentiert sich in ungestörter barocker Pracht, wobei auch die Gotik ihre Spuren hinterlassen hat. Der Ort, eine der elf friesischen Städte, ist weit über tausend Jahre alt und hatte einst Zugang zur lange trockengelegten Middelzee und damit zum Meer. Wer möchte, kann hier sogar in der Gracht festmachen und die ausgezeichneten Einkaufs- und Kneipenmöglichkeiten nutzen. Sollte man Mitte Mai unvermutet in einen Riesentrubel geraten, ist wohl Start und Finish einer Elf-Städte-Tour per Rad oder Roller angesagt. Auch auf Inline-Skates gibt es diesen friesischsten aller friesischen Wettbewerbe. Er gerät jedesmal zum Volksfest, bei dem Abertausende die Strecken säumen, die über viele Brükken führen. Über lange Wartezeiten für Segler darf man sich nicht wundern.
Von Bolsward geht es weiter nach IJlst. Lang und still zieht sich die Bolswardervaart, bis man endlich auf dem Wijd landet. Mitten durch IJlst mit seiner Wind-Sägemühle ist es von hier nur ein Katzensprung nach Sneek, wo sich nach der Kanalfahrt unvermittelt das Drehbecken vor dem historischen Wassertor auftut. In Sneek endet der erste Törn und beginnt zugleich ein zweiter. Die Stadt ist ein idealer Ausgangshafen für den Schlag in den Nordosten des Reviers. Hinein in die vielgestaltige Wasserwelt des Sneeker Meers und die Busch- und Waldlandschaft des abgelegenen Princenhof. Der Wind wird in dieser Gegend nicht so frei blasen wie über die Weiden und Moore des Nordwestens. Deshalb ziehen sich Friesland-Kenner bei schlechterem Wetter gern dorthin zurück.
Natürlich eignet sich auch das überaus lebendige (wenn auch nicht mit Schönheit gesegnete) Sneek, dort einen gemütlichen Regentag zu verbringen, besonders in De Domp. Der Yachthafen liegt herrlich geschützt inmitten gewaltiger Pappeln. Zum Frei- und Hallenbad - Kinder werden das zu schätzen wissen - sind es nur ein paar Schritte. Andere Liegemöglichkeiten gibt’s am jüngst feudal herausgeputzten Houkesloot mit Boulevard und Brasserie, von wo man rasch in die City kommt.
Sneeks Hausrevier ist das Sneeker Meer. Kein See eigentlich, fast schon eine Seenlandschaft in einem wahren Netz von Verbindungsarmen, die Sloot, Gat, Rak oder Vaart heißen. Das Meer wird vom Prinses Margriet Kanaal gequert, dessen Tonnenstrich man möglichst meiden sollte. Kein Problem, denn hier gibt es raumes Segelwasser genug. Aber auch überraschende Durchstiche zu den Poelen oder "Teichen" von Goingarijp und Terkaple. Oder aber zum Terhornster Diep, wo es manchmal richtig tief in die Büsche geht.
Wer hier auf Entdeckungsreisen gehen möchte, kann auf dem Starteiland der Sneek Week in der urigen Gaststätte eine Rast einlegen. Prima sitzt es sich auch auf der Terrasse des Paviljoen Sneeker Meer. Wer Probleme mit dem Boot hat, ist im nahen Terherne am besten aufgehoben. Das Dorf hat sich in den letzten Jahren zu einem Service-Stützpunkt entwickelt. Leider bieten die stattlichen neuen Wassersportzentren dort noch ein wenig das Flair eines Industriegeländes.
Ganz anders dagegen das Goingarijp. Mit einem Dickschiff sollte man sich zwar nicht dorthin verirren, doch wer sich durch die schmale, meist offene Schleuse traut, findet sich plötzlich im tiefsten friesischen Idyll wieder und stößt sogar auf eine Sehenswürdigkeit: einen der seltenen Glockenstühle, mit denen man sich dereinst behalf, wenn das Geld für einen Kirchturm nicht reichte. Dieser Glockenstuhl gab dem Restaurant "De Klokkestoel" seinen Namen, das man nicht nur wegen seines Seeblicks empfehlen kann.
Wer die Sneeker "Seenplatte" verläßt und sich Richtung Princenhof orientiert, den erwartet eine Fahrt durch wahrhaft verwunschene Fahrwasser, die so hübsche Namen wie Kromme Knillis tragen. Denn die Friesen sind bei der Taufe ihrer Gewässer mindestens so erfinderisch wie Eskimos bei der Suche nach dem richtigen Wort für Schnee.
Wer nicht den Umweg über Prinses Margriet Kanal und Kromme Knillis machen will, kann über den Meinesloot direkt nach Akkrum segeln. Von dort liegt das schönste Stück auf den Weg zum Princenhof noch vor dem Bug. Waldgesäumte, oft enge Fahrwasser, die alle den Nachnamen Ee tragen: Sijtebuurster Ee, Peanster Ee und so weiter. Schließlich führt der Hooidamsloot am Nordostrand des Princenhof zum Städtchen Earnewald. Das war einst ein vergessenes Moordorf, wo man sich über Jahrhunderte mit dem Torfstich durchschlug, woran bis heute das angrenzende Naturschutzgebiet De Alde Feanen - das alte Veen - erinnert.
Auch der amphibische Princenhof mit seinen Binsenfeldern und Erlengebüschen ist durch den Torfabbau entstanden und ist heute ein streng geschütztes Naturschutzgebiet. Im Saiterpetten, einem Teil des Princenhof, sind sogar wieder Fischotter heimisch. Das alles zieht viele Gäste nach Earnewald. Zwar sind die Naturzonen tabu, aber mit De Reidplum hat man am Dorfrand ein Besucherinformationszentrum geschaffen, das keine Frage offenläßt. Außerdem hat sich der Ort in den vergangenen Jahren eine Promenade und einen netten Passantenhafen geleistet. Allerhand für ein Dorf von 400 Seelen, wohin sich früher auch zur Hochsaison nur wenige Yachten verirrten.
Vom Princenhof führen etliche Wege zurück in das Herz von Friesland. Am raschesten wohl der Margriet Kanaal, auf den wir bei Kruiswaters treffen und den wir am Jeltesloot verlassen. Auf dieser Strecke gilt für Segelboote ein besonderes Reglement, nämlich ein strenges Rechtsfahrgebot mit startklarem Motor.
Unsere dritte Friesland-Route, wiederum ab Heeg, ist eine Schleife durch die Sudwesthoeke. Von dort ist es nur ein kleiner Hüpfer über das Heeger Meer hinüber zum Woudsender Rakken. Möglich, daß man vor dessen untief gewordener Einfahrt etwas Anlauf nehmen muß. Woudsend mit dem ideal am Wasser gelegenen, aber stets belagerten Seglertreff "Café De Watersport" lassen wir zurück. Statt dessen geht es weiter in das Sloter Meer, wobei vielleicht erneut mit dem Diesel nachgeschoben werden muss. Ein feiner, kleiner See tut sich auf. Fast kreisrund, mit vielen Untiefen und bei Wind schnell aufgeregt, weshalb er unter den Einheimischen keinen guten Ruf genießt.
Sloten ist allemal einen Stopp wert. Vielleicht findet man sogar ein Plätzchen am Veermanskaai im Schatten der alten Windmühle und kann hernach ein barockes Museumsstädtchen genießen, das komplett unter Denkmalschutz steht.
Südöstlich des zur Hochsaison stets überlaufenen Sloten grüßt das weite, grüne Lemsterland. Der Horizont rückt in die Ferne, nah rücken die Schilfbiesen von Brandmeer und Rijnsloot. Hier entfaltet sich die typisch friesische Binnensegelei: Ein paar Uferbüsche, ein stattlicher Bauernhof oder ein kleine Krümmung im Fahrwasser werden zur nautischen Herausforderung. Wenn es im flauen Hochsommer die Boote zu ganzen Pulks zusammenschiebt, Entgegenkommer inklusive, sollte man hin und wieder in das Kielwasser des Vordermanns schauen. Erlischt dort der kleine Sprudel am Heck, sitzt der mit Sicherheit auf einem Schlammbuckel oder ist zu dicht an die Böschung geraten. Kein Problem, es sei denn, man trifft an einem Engpass in ein Gemenge aufkreuzender Schuljollen, deren frischgebackene Steuerleute gern vergessen, daß Yachten einen Kiel haben.
Quert man im Grote Brekken den Margriet Kanaal hinüber zum Follegasloot, kann es sogar in der Ferienzeit recht einsam werden. Es ist die Route zum Tjeukemeer, das manche wegen seiner Untiefen und Steine, andere wegen der unschönen, festen Autobahnbrücke meiden. Viele Pläne hatte man schon mit diesem weiten See, über den der Wind ungehindert pfeifen kann. Noch ist er so etwas wie die stille Reserve der Wasserprovinz Friesland, die hier gern mehr Boote sehen würde.
Bemühungen in diese Richtung sind bereits im Gange: Im Nordosten des Gewässers erhebt sich schon die flache Kulisse eines Freizeitinselchens mit langen Stegen. Noch in diesem Sommer soll man hier anlegen können; dann wird das Eiland auch einen Namen bekommen. Wir meiden allerdings den noch kahlen Fleck, halten im Scharster of Nieuwe Rijn mit Nordkurs auf Langweer zu. Das hier ist Friesland pur. Ruhe und Weite, wo einen vielleicht ein paar Radler überholen, die den Strampelweg längs des Kanals nutzen.
Wir erreichen dann Langweer, einen Ort idyllisch hinter Bäumen versteckt, mit seiner uralten Lindenallee. In deren Schatten liegt der Gasthof "De Drie Zwaantjes". Nicht ganz so alt wie die Linden, aber urgemütlich. Der Wielen vor Langweers Tür ist ein feines, kleines Segelwasser, untauglich für große Schläge. Dort wird es eng, wenn am letzten Augustwochenende das Langweerder Weekend über die Bühne geht. Drei Tage Regatta, Kirmes und Dorffest. Um einen Liegeplatz brauchen sich Besucher nicht zu sorgen, Langweer hat einen modernen Hafen, der sich wohl nur zu diesem Anlass einigermaßen füllt.
Schließlich führt uns der Jeltesloot zurück ins Revier von Heeg. Am seinem Ende liegt die nach ihm benannte Brücke, die ein echtes Nadelöhr ist und oft geduldiges Warten abverlangt. Auch dies eine friesische Erfahrung.
|
|
|
|