Kanaren Charter: Alles überragend - Der Pico de Teide von Gomera aus gesehen

Stelldichein mit Atlantiküberquerern

Wer wünscht sich nicht, in wärmeren Gefilden zu sein, wenn im Winter die Brise über die Juraseen bläst und die Kälte durch alle Ritzen zieht. Aber warum muss es immer die bei Segelfreaks bestens bekannte Karibik sein? So schön die Grenadinen sind, so lang und teuer ist die Reise dorthin. Nicht halb so lang dagegen ist der Weg zu den Kanarischen Inseln. Ob sich dort wirklich nur die Massentouristen in den Bettenhochburgen von Maspalomas und las Americas tummeln, wollen wir Ende Oktober 1998 wissen.

Kanaren Charter: Alles überragend - Der Pico de Teide von Gomera aus gesehen

Kanaren Charter: Alles überragend – Der Pico de Teide von Gomera aus gesehen

Da sich im November die Atlantiküberquerer auf Teneriffa und Gran Canaria ihr Stelldichein geben, muss es doch möglich sein, eine Yacht für einen Törn zu finden. Fündig werden wir schließlich beim Schoenicke Skipperteam in Hamburg: Die 16,80 Meter lange Skipper 53 «Medusa» segelt vor dem langen Schlag über den großen Teich zehn Tage durch die westlichen Kanaren.
Gespannt darauf, mit sechs fremden Menschen zehn Tage lang eine Yacht zu teilen, erreichen wir an einem Sonntagnachmittag den Hafen von Santa Cruz de Tenerife. Die «Medusa» liegt längs an der Mole, von der Saling grüßen die Schweizer- und die Deutsche Flagge. Skipper und Eigner Charlie begrüßt uns in reinem Bayrisch und lässt uns wissen, dass der Rest der Crew bereits auf Landausflug sei. Wir nutzen die Zeit für einen Hafenrundgang. Die übliche Behaglichkeit der Mittelmeerhäfen sucht man auf Teneriffa vergebens. Der neue Yachthafen im Süden der Hafenanlagen ist dafür wesentlich komfortabler und sicherer, als der alte Fischereihafen Darsena Pesquera. Früher bot er die einzige Anlegemöglichkeit für Yachten in Santa Cruz.
Vor der Skyline von Santa Cruz liegen ein paar Dutzend Yachten, umrahmt von Fähren und Kreuzfahrtschiffen. Hinter der Hafenmauer schlägt die Brandung gegen die Felsen, der Wind pfeift. Der berühmte Nordostpassat, der die Schiffe nach Westen treibt, weht; den Schaumkronen nach zu urteilen nicht zu schwach. Wir freuen uns aufs Ablegen.
Am Abend findet sich die Crew auf dem Boot ein: Ein Paar aus München, eine Frau aus Stuttgart, ein norddeutscher Segler und ein mit Kamera bewaffneter Zahnarzt aus Esslingen. Bevor es losgehen kann, muss gebunkert werden. Im nahen Markt füllen wir unser Mietauto drei Mal mit allem, was für ein angenehmes Bordleben notwendig ist. Da kein Supermarkt offen ist, kämpfen wir uns mit spärlichen Spanischkenntnissen von Marktstand zu Marktstand.
Endlich, um 13.20 Uhr heißt es «Leinen los». Bei strahlendem Sonnensschein, 26 Grad Celsius, 4 Windstärken aus Ost und zwei Meter hohen Wellen geht es südwestwärts, der Küste Teneriffas entlang Richtung Puerto Colon am Südende der Insel. Vorerst haben wir alle Hände voll zu tun. Die 145 Quadratmeter Segelfläche sind zuviel für eine ungeübte Crew. Wirkliche Segelerfahrung haben nur der Skipper und mein Mann. Gemeinsam bergen wir das Groß, was bei dem Wellengang gar nicht so einfach ist. Der Zahnarzt lässt seine Kamera Kamera sein und wird seekrank. Nur unter Genua erreichen wir einen Schnitt von gut sechs Knoten. Es lässt sich vorzüglich segeln. Brise und Karibik haben wir längst vergessen. Die Navigation ist nicht schwierig. Trotz Charlies GPS führe ich mein Logbuch, wie ich es im B-Schein-Kurs gelernt habe. Um 18 Uhr steht der Leuchtturm von Punt Roja, südlich von el Medano, querab. Mein Versuch, endlich einmal einen Leuchtturm vom Schiff aus zu fotografieren, verläuft nicht sehr erfolgreich, da «der Horizont nie still steht».
Schließlich erreichen wir die Südspitze Teneriffas. Nach einem sorgfältig ausgeführten Halsemanöver nehmen wir Kurs auf Puerto Colon. Langsam dunkelt es, und der Wind lässt in der Abdeckung der Insel nach. Dafür sind wir nun damit beschäftigt, die einzelnen Leuchtfeuer auszumachen. Im Lichtermeer der Touristenhochburgen Los Cristianos und Las Americas ein nicht ganz leichtes Unterfangen. Gegen 21.30 Uhr nähern wir uns der Hafeneinfahrt von Puerto Colon, dem Yachthafen von Las Americas. Der Nachtwächter kommt uns auf einer Vespa entgegen und erklärt uns, dass der Hafen voll sei. Da ist nichts zu machen; er schickt uns weg.

Kanaren Yachtcharter: La Gomera - Ideal zum Wandern

Kanaren Yachtcharter: La Gomera – Ideal zum Wandern

Eine Stunde später ankern wir in Los Cristianos. Charlie, immer liebevoll um seine «Medusa» besorgt, traut dem Ankergrund nicht so recht und lässt uns Ankerwache schieben. Umgeben von Hotelkästen liegen ein paar Fischerboote im Hafen und ankern eine Handvoll Yachten. Das einzig Wichtige an Los Cristianos ist die Fähre nach Gomera. Also lichten wir früh den Anker und segeln nach Gomera, dem Aussteigerparadies.
23 Seemeilen und fünf Stunden später sind wir dort. Das Meer ist bei der Überfahrt ruhig, der Wind sehr wechselhaft und drehend, was auf die Düsenwirkung zwischen den Inseln zurückzuführen ist. Gomera ist eine Überraschung: Es steht zwar noch in keinem Hafenhandbuch oder Reiseführer, aber in San Sebastian de la Gomera gibt es eine Marina, einen richtigen Yachthafen mit Schwimmstegen, Duschen und einem Platz für uns. Wir sind begeistert, denn dies ist noch nicht alles. Gleich neben dem Hafen in der nächsten Bucht liegt ein schwarzer, wunderschöner und fast menschenleerer Sandstrand; und das Meer ist 23 Grad warm.
Hinter dem Hafen erheben sich karge Berge, dazwischen liegt die kleine Inselhauptstadt, verträumt mit ein paar verschlafenen Läden. Kolumbus machte hier einst Halt und über ihn und die schöne Beatriz de Bobadilla, der Frau des Grafen von Gomera, erzählt man sich romantische Geschichten. Es ist beschaulich hier. Nur wenn die Fähre anlegt, die Tagestouristen von der Fähre in die Busse verfrachtet und im Eiltempo über die Insel gekarrt werden, wird man einen Moment lang an einen Ameisenhaufen erinnert.
Gomera ist auch uns einen Landtag wert. Am Hafen kann man günstig ein Auto mieten und in die Berge fahren, den Nationalpark mit dem höchsten Berg, dem 1487 Meter hohen Garajonay, besuchen: Oder aber ins Valle Gran Rey fahren, das noch immer von deutschen Aussteigern besetzt ist, seinen landschaftlichen Reiz aber behalten hat. Der Hafen allerdings ist nicht sehr groß, die wenigen Schiffe ankern.
Gleiches ist auch über Playa de Santiago im Süden Gomeras zu sagen. Der Strand dort besteht aus großen Steinen, im Dorf gibt es einige Läden und vorzügliche Restaurants. Über unendlich viele Kurven und Pässe erreicht man den malerischen Norden. Kleine Ortschaften an terrassierten Hängen, Palmen und Bananen prägen das Bild. In Vallehermoso tobt die Brandung an eine verlassene Verladestation. An einen Landfall hier wäre nicht zu denken.
Nach dem Ruhetag auf Gomera geht die Reise weiter nach La Palma, der nördlichsten und grünsten Insel der Kanaren. Wegen des grundsätzlich konstanten Nordostwindes tut man gut daran, die Route so zu wählen, dass man möglichst nicht aufkreuzen muss. Neben dem Wind ist auch die Strömung zu beachten. Auf dem raumen Kurs nach La Palma stellen wir eine maximale Abdrift von 30 Grad fest. Der Luftdruck ist auf 1017 Millibar gesunken, es ist zudem extrem dunstig. Wir setzen Volltuch und erreichen nach 59 Seemeilen und elf Stunden wieder bei Nacht den Hafen von Santa Cruz de la Palma. Er ist ein Handels- und Passagierhafen. Die Ansteuerung ist einfach. Wir gehen längs an eine Mole zwischen zwei anderen Yachten. Wir liegen einigermaßen sicher, obwohl die Hafenmauer einen zehn Zentimeter breiten Spalt aufweist und in ihren Fugen ächzt.
Für die Yachties gibt es hier nicht viel zu sehen. Wir legen aber doch einen Landtag ein, mieten ein Auto und lassen Charlie allein auf dem Schiff zurück. Die Fahrt zum Krater des höchsten Berges, dem Roque de los Muchachos mit seinen 2426 Metern Höhe, kommt einer Passfahrt in den Schweizer Alpen gleich. Wer das Meer der Bergwelt vorzieht, fährt der Küste entlang um die Insel, was in einem Tag zu schaffen ist. Wunderschön anzusehen ist der Süden mit seinen weiten Lavafeldern und unzähligen Bananenplantagen. Beim Faro von Fuencaliente an der Südspitze gibt es einen kleinen Strand und ein Restaurant, in der Ortschaft Fuencaliente findet man die Weinkellerei Teneguia, wo wir uns mit Rotwein, Weisswein und einem wunderbaren Malvasier eindecken.
Der vierte Schlag am Samstag führt uns nach El Hierro, welches bis zu Kolumbus Zeiten als das Ende der Welt galt. Es ist die kleinste der Kanareninseln und die am südwestlichsten gelegene. Wir halten deshalb auf die Nordspitze zu, um auf dem Rückweg die Gegenwindpassage so kurz wie möglich zu halten. Im Verlauf des Tages dreht allerdings der Wind von Nordost nach Süd, was wir ungern zur Kenntnis nehmen, da der von uns angesteuerte Hafen Puerto de la Estaca nach Süden offen ist. Einzige Ausweichmöglichkeit wäre La Restinga im Süden der Insel, welcher aber auch nicht viel sicherer erscheint.
Wir entscheiden uns für La Estaca und belegen dort nach zehn Stunden Fahrt an der Mole; inzwischen schon geübt im Vorspring und Achterspring ausbringen. Der freundliche Hafenwart will, wie überall auf den Inseln, zuerst unsere Pässe sehen. Dann versichert er uns, dass es wirklich eine Ausnahme sei, dass der Südwind weht. Der zunehmende Mond lässt die Flut steigen, der Wind bläst, und der Schwell trägt das seine dazu bei, dass die Stimmung vorsichtig achtsam ist, und wir alle die «Medusa» nicht verlassen. Als wir am Morgen in der Früh Hierro verlassen, meint Charlie trocken, dass es bessere Liegeplätze gebe. El Hierro ist für uns ein Geheimnis im Dunst geblieben. Aber die Insel ist wunderschön; ich weiss es von früheren Besuchen; und beim nächsten Mal wird bestimmt Nordostwind wehen.
Wir verlassen Hierro unter Motor, um Zeit zu gewinnen und weil eine starke Strömung eine kabbelige See erzeugt. Der Wind dreht erst am Nachmittag auf Ost, und wir erreichen das 47 Seemeilen entfernte Gomera nach zehn Stunden; natürlich beim Einnachten. San Sebastian hat wieder einen Platz für uns. Und nach fünf Tagen wieder einmal heiss duschen ist wie Weihnachten, da stört auch der schwankende Landgang nicht.
Bevor wir uns auf den Rückweg nach Teneriffa machen, verbringen wir einen Landtag auf Gomera. Am nächsten Mittag setzen wir dann nach Teneriffa über, wo wir diesmal Platz in Puerto Colon finden, aber auch nur, weil wir ihn vor der Überfahrt nach Gomera persönlich reserviert hatten. Wie anders ist es hier, als im ruhigen San Sebastian. Der kleine Yachthafen ist voll von Vergnügungsschiffen für Tagesausflüge und der gleich danebenliegende Strand voll von Hoteltouristen. Wir essen im Yachtclub ein letztes gemeinsames Dinner. Und als letztes Abenteuer klettern wir zurück auf die «Medusa». Es ist Vollmond und damit Springzeit, die rostige Leiter an der Mole genügt nicht, um die bei Ebbe zwei Meter tiefer liegende «Medusa» bequem erreichen zu können.
Am nächsten Morgen nehmen wir Abschied von Charlie, der sich bald darauf auf den Weg in die Karibik machen wird. Wir aber fliegen zurück an die von der Bise aufgewühlten Juraseen und träumen von den Kanaren, die noch schöner wären, gäbe es mehr Marinas, wie die von San Sebastan de la Gomera.
BARBARA BENZ

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